Tanken auf Bolivianisch (5.7.2017) 1


Tanken ist in Bolivien eine Wissenschaft für sich, zumindest wenn es um Dieselfahrzeuge mir ausländischem Kennzeichen geht. Der Hintergrund: In Bolivien wird Kraftstoff subventioniert. Benzin oder Diesel kosten überall im Land 3,74 respektive 3,72 Bolivianos pro Liter, das sind etwa 50 Euro-Cent.

Diesel hat hier im Land übrigens einen Schwefelanteil von mindestens 1.500ppm. In Argentinien und Chile dagegen gibt es „sauberen“ Diesel, wie in Europa üblich mit 5ppm Schwefelanteil (in Bolivien also der 300-fache Wert).
Damit sich nun mit Diesel fahrende Ausländer nicht an den Subventionen für Bolivianer „bereichern“, hat sich die sozialistische Regierung Folgendes ausgedacht: Für Diesel zahlen Ausländer in Bolivien 8,88 Bolivianos und somit den 2,4-fachen Preis der Einheimischen (das sind aktuell ca. 1,19 Euro) und erhalten dafür eine spezielle Rechnung. Die Tankstellen sind zumeist per Video überwacht und das Kennzeichen des ausländischen Fahrzeugs wird auf der Abrechnung notiert. Einfachheitshalber wird man dabei als argentinischer Ausländer einsortiert. Das wäre also der bolivianische Idealfall (Fall 1).

Die Realität sieht leider gänzlich anders aus:
– Fall 2:  Man erhält als Ausländer keinen Diesel, weil angeblich gerade der Dieseltank leer oder das spezielle Abrechnungsformular nicht verfügbar ist. Dies geschieht oft jedoch aus Bequemlichkeit, da der Verkauf an Ausländer wegen der aufwändigen Abrechnungsbürokratie recht mühsam und daher unbeliebt ist.

– Fall 3: Man fährt an die Zapfsäule und wird gefragt, zu welchem Preis man tanken möchte. Das ist speziell bei abgelegenen Tankstellen der Fall oder wenn die Videoüberwachung nicht funktioniert oder ausgeschaltet ist. Konnte man in diesem Fall früher für 5 oder 6 Bolivianos je Liter tanken, sind es nach unserer bisherigen Erfahrung eher 7 Bolivianos. Das ergibt also einen fetten Zusatzgewinn in die eigene Tasche des Tankwarts – und als Kunde darf man daran ein wenig teilhaben.

– Fall 4: Man bekommt den Diesel einfach zum Einheimischen-Preis, mal mit, mal ohne inländische Rechnung.

– Fall 5: Man bekommt den Diesel zum vollen Ausländer-Preis, aber keine Quittung dazu. D.h. offiziell werden 3,72 Bolivianos abgerechnet und die Differenz zu 8,88 Bolivianos verbleibt beim Tankstellenbetreiber – ein satter Zusatzgewinn für die Tanke und als Ausländer schaut man dabei komplett in die Röhre.

Wir haben bisher – bis auf den Fall 5 – bereits alles erlebt. Der Fall 4, tanken zum Preis der Einheimischen, ist natürlich der angenehmste Fall und wir haben bisher eine Tankstelle gefunden, an der das ohne unser Zutun schon zweimal so möglich war.

Fall 1 ist auch in Ordnung: Tanken zum vollen Preis, das ist auch schon häufiger vorgekommen. Das erspart einem armselige Verhandlungen an der Tankestelle. Der Sprit ist dann nicht teurer als in Argentinien (wo kein Mensch an der Tankstelle den Preis verhandeln würde) und es gibt keinen Grund, warum wir Ausländer von Subventionen der einheimischen Bevölkerung profitieren sollten. (Dass es angenehmer ist, weniger zu bezahlen, ist natürlich auch verständlich.)

Der Fall 3 macht mich eigentlich immer ärgerlich. Bei einem inoffiziellen Preis von 7 Bolivianos steckt sich der Tankwart fürs Nichtstun für jeden Liter über 3 Bolivianos in die eigene Tasche und ich spare nur knapp 2 Bolivianos je Liter ein. Da wird der Staat richtig „beschissen“ und ich fühle mich dann auch noch ausgenutzt. 

Nun gibt es noch ein paar Tricks von den ganz pfiffigen Reisenden: Man parkt das Auto um die Ecke (außerhalb der Sichtweite der Videokameras), geht zu Fuß zur Tankstelle und kann sich im Reservekanister 20 Liter Sprit zum Preis der Einheimischen holen. Da macht man dann so lange, bis das Auto wieder vollgetankt ist (und die Wirbelsäule knackt). Diese Lösung klappt nicht immer und ist in meinen Augen völlig daneben.

Alternativ besorgt man sich ein bolivianisches KFZ-Kennzeichen und klemmt es sich vor der Anfahrt zur Tankstelle vorne ans Auto. So trickst man die Videoüberwachung aus. Ein lokales Kennzeichen zu bekommen ist aber extrem mühsam, da die Fahrzeuge ihre Kennzeichen auf Lebenszeit bekommen. Normalerweise hat also niemand eine solche „placa“ im Schuppen liegen und wird sie freiwillig abgeben wollen.

Fazit: Ich fahre zur Tankstelle, wenn ich Sprit brauche, und schaue was passiert!

Anmerkung: Das Tolle beim Tanken in Südamerika ist, dass man in Auto sitzen bleibt und der Tankwart den Rest macht. Beim Bezahlen mit Kreditkarte muss man manchmal aber doch aussteigen, wenn nur ein drahtgebundenes Eingabegerät für die Eingabe der PIN bereitsteht. 

Und hier noch ein aktueller Eindruck an einer Tankstelle: 

Neulich war in der näheren Umgebung um Caranavi der Sprit ausgegangen und Dutzende von Menschen kamen mit ihren Kanistern zur Tankstelle im Ort, um sich mit Diesel oder Benzin einzudecken.

Da war mächtig was los und wir mittendrin (übrigens war das an unserer Tankstelle ⛽ von Fall 4).


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Ein Gedanke zu “Tanken auf Bolivianisch (5.7.2017)

  • Stefan

    Hallo ihr Lieben,

    und wir haben in Deutschland eine Tank App, wo tageszeitabhängig ein oder mehrere Cent gespart werden kann.
    Was für ein Unterschied…